Das Weinwissen von Weinkontor Sommer

Ein Land. Viele Weinwelten.

Hokkaidō, Honshū und der Süden: Warum der genaue Standort mehr erzählt als ein Klimaklischee.

Redaktion: Weinkontor Sommer

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03 · Weinbau in Japan

Ein Land. Viele Weinwelten.

Hokkaidō: Meeresnähe, Schnee und eine wachsende Sortenvielfalt

Yoichi liegt im Südwesten Hokkaidōs an der Japanischen See. Nach Norden öffnet sich der Ort zum Wasser, während ihn an den anderen Seiten Hügelland umgibt. Der örtliche Erzeuger Yoichi Wine beschreibt den Einfluss der warmen Tsushima-Strömung und ein für Hokkaidō vergleichsweise mildes Klima. Das ist ein wichtiger Maßstab: „mild“ innerhalb Hokkaidōs bedeutet noch keinen milden Winter nach mitteleuropäischem Empfinden. Meeresnähe und geschützte Topografie helfen, Yoichi von stärker binnenländisch geprägten Standorten zu unterscheiden. Die seit Langem vorhandene Obstbaukultur bildet dabei eine praktische Grundlage für den heutigen Weinbau.

Kerner, Bacchus und Zweigelt gehören zur Entwicklungsgeschichte der Insel. In einem Interview der staatlichen Klimaanpassungsplattform A-PLAT schildert der Winzer Kiichirō Ochi, wie inzwischen auch Pinot Noir und Chardonnay in Yoichi zuverlässiger ausreifen können. Das ist eine Beobachtung eines konkreten Praktikers. Eine Untersuchung der nationalen Agrarforschungsorganisation NARO stützt die übergeordnete Entwicklung: In wichtigen Anbaugebieten hat sich die thermische Eignung für europäische Keltertrauben verbessert. Ihre Zukunftskarten beruhen allerdings auf Klimamodellen und festgelegten Temperatur- und Niederschlagsschwellen. Sie sind keine Zusicherung, dass jede Parzelle erfolgreich bewirtschaftet werden kann. Auch lassen sich die älteren Sorten daraus nicht als überholt erklären: Ihre Eignung muss weiterhin am Standort beurteilt werden.

Östlich davon bietet Sorachi einen anderen Blick auf den Norden. In Mikasa bewirtschaftet Takizawa südexponierte Hänge mit Pinot Noir, Sauvignon Blanc, Chardonnay und Auxerrois. Der Betrieb nennt die winterliche Schneedecke ausdrücklich als Schutz der Reben vor strenger Kälte. Schnee ist damit zugleich Hilfe und Arbeitsaufgabe. Wie groß die Belastung für Anlagen werden kann, dokumentiert Hamada Vineyard in einem Wintertagebuch: Im Januar 2021 mussten Drähte aus den Pfosten gelöst werden, weil die Schneelast das Spalier verformte. Das ist ein dokumentiertes Ereignis, kein jedes Jahr geltender Schneehöhenwert. Es macht aber greifbar, warum nordjapanischer Weinbau auch außerhalb der Vegetationszeit besondere Handarbeit verlangt.

Auch der Vergleich zwischen Sorachi und Shiribeshi verlangt Genauigkeit. Das Hokkaidō-Forschungsinstitut untersuchte 2022 Zweigelt und Chardonnay – je Sorte zwei Anlagen in Sorachi und eine in Shiribeshi. Die untersuchten Sorachi-Anlagen hatten leichtere Trauben und geringere Erträge je Rebe. Die Zuckerwerte unterschieden sich zwischen den Betrieben; ein Chardonnay-Los wurde ausdrücklich für Schaumwein gelesen. Solche Ergebnisse gelten für die untersuchten Anlagen und das betreffende Jahr. Neben dem Standort müssen auch Bewirtschaftung, Krankheitsdruck und Leseziel berücksichtigt werden.

Winter bei NIKI Hills auf Hokkaidō.
Winter bei NIKI Hills auf Hokkaidō.

Yamanashi: Kōshū-Tradition und große Unterschiede innerhalb des Beckens

In Yamanashi konzentriert sich viel Weinbau auf das Kōfu-Becken und seine Ränder. Die Präfektur hebt lange Sonnenscheindauer, relativ geringe Niederschläge und durchlässige Standorte hervor. „Relativ trocken“ ist hier im japanischen Kontext zu verstehen. Die traditionelle Kōshū-Pergola entstand gerade als Anpassung an ein niederschlagsreiches Land. In der Region Kyōtō – gemeint ist der Osten des Kōfu-Beckens, nicht die Stadt Kyōto – gehören weit auseinanderstehende, groß erzogene Reben zu einem über Generationen entwickelten Obstbausystem. Seine Anerkennung als landwirtschaftliches Welterbe würdigt das Zusammenspiel von Landschaft, Wissen und Nutzung. Die Pergola ist deshalb keine bloße folkloristische Kulisse, sondern ein Teil der regionalen Anbautechnik.

Auch Yamanashi ist kein einheitlicher Talboden. Château Mercian dokumentiert für seine Standorte beispielsweise ungefähr 340 Meter Höhe in Kamoidera und 800 bis 850 Meter in Tengusawa. Gleichzeitig unterscheiden sich Kies-, Sand- und Lehmböden sowie Hanglage und Exposition. Solche Angaben erklären besser als ein allgemeines Präfekturporträt, warum Betriebe neue Sorten und andere Anbauformen erproben. Die beiden Höhenwerte beschreiben konkrete Weinberge; sie markieren weder die vollständige Spannweite Yamanashis noch eine Qualitätsrangfolge. Ein höherer Standort ist eine andere Ausgangslage, kein automatisches Gütesiegel.

Kōshū und Muscat Bailey A bleiben wichtige Orientierungspunkte. Doch schon die regionale Darstellung der Präfektur nennt für Kōshū unterschiedliche Ausprägungen bis zum maischevergorenen Orange Wine und für Muscat Bailey A Rot-, Rosé- und Schaumwein. Die Herkunft allein entscheidet daher weder über Körper noch Süße oder Gerbstoff. Wer eine Flasche verstehen möchte, sollte neben der Sorte auch Ausbau und Weinart lesen: Ein längerer Schalenkontakt oder eine Fassreife kann den Ausdruck ebenso deutlich verändern wie der Ursprung der Trauben.

Nagano: Höhenlagen, Binnenklima und mehrere Weintäler

Nagano bringt einen weiteren Maßstab in den Vergleich: eine weitläufige Binnenlandschaft mit mehreren Anbaugebieten. Die offizielle Weinplattform nennt vergleichsweise wenig Regen, viel Sonne sowie ausgeprägte Tag-Nacht-Unterschiede. In Kikyōgahara bei Shiojiri liegen unter vulkanisch geprägtem Oberboden auch kiesige Schichten, die zur Entwässerung beitragen. Der Ort verbindet eine Geschichte mit Niagara und Concord mit langjähriger Arbeit an Merlot. Dieser Übergang ist wichtig: Die heutige Bedeutung europäischer Rebsorten entstand nicht allein aus einem günstigen Klima, sondern auch aus wiederholten Anbauversuchen und dem Wissen der Betriebe.

Im Chikumagawa Wine Valley werden unter anderem Merlot, Chardonnay, Cabernet Sauvignon und Pinot Noir angebaut. Die Höhenlage wird am Beispiel des Mariko Vineyard von Château Mercian konkret: Er liegt auf rund 650 Metern und besitzt kieshaltigen Lehmboden. Solche Informationen helfen, die Vorstellung eines überall gleich kühlen Nagano zu korrigieren. Auch ein höher gelegener Weinberg kann warme Sommertage erleben. Die entscheidende Frage lautet, wie Wärme, nächtliche Abkühlung, Niederschlagsverteilung und Reifezeit an diesem Ort zusammenwirken. Merlot aus Shiojiri und Chardonnay von einem anderen Talhang sollten deshalb zunächst als eigenständige Weine betrachtet werden.

Die Suche nach kühleren Lagen hat außerdem Grenzen. Das von Nagano betriebene Netzwerk für Weintraubenanbau weist ausdrücklich auf Frostschäden am Rebholz hin. Mit dem Ausweichen in größere Höhen kann dieses Risiko wachsen. Die dort dokumentierte Studienreise nach Hokkaidō zeigt, dass die japanischen Regionen voneinander lernen. „Höher“ oder „nördlicher“ beschreibt somit eine Abwägung zwischen gewünschter Reife, Säureerhalt und sicherer Überwinterung – keine einfache Richtung, in der Qualität zwangsläufig zunimmt.

Die Hügellandschaft von Mariko in Nagano.
Die Hügellandschaft von Mariko in Nagano.

Yamagata: Schneewinter und fein gegliederte Beckenlagen

Yamagata im nördlichen Honshū verdient ein eigenes Kapitel. Takahata liegt in einem von Bergen eingerahmten Becken der Region Okitama. Die örtliche Kellerei beschreibt schneereiche Winter, gleichzeitig aber deutlich andere Bedingungen während des Traubenwachstums. Für April bis Oktober nennt sie rund 812 Millimeter Niederschlag auf Basis der Wetterdaten von 1991 bis 2020. Diese saisonale Summe darf nicht mit Jahreswerten anderer Orte verwechselt werden. Genau diese Unterscheidung ist für den Weinbau aufschlussreich: Viel Winterschnee bedeutet nicht automatisch ebenso viel Regen während Blüte und Reife.

Innerhalb Takahatas unterscheidet der Erzeuger vier Teilgebiete. Kameoka liegt bei etwa 220 Metern und liefert den frühesten Chardonnay der betrieblichen Anbaugebiete. Wada reicht ungefähr von 250 bis 400 Metern und weist größere Tag-Nacht-Unterschiede sowie mehr Winterschnee auf. In Yashiro und Takahata selbst variieren die Bedingungen zwischen Ebene und Bergnähe. Zum Sortenspektrum zählen neben Chardonnay und Merlot auch Muscat Bailey A, Pinot Blanc und weitere Sorten. Beim Anbau nutzt die Kellerei Erfahrungen aus dem Delaware-Obstbau: Seitlich offene Regenschutzdächer werden mit Pergolaerziehung kombiniert; daneben existieren offene Spalieranlagen. Dieses Nebeneinander zeigt eine anpassungsfähige Praxis. Eine Erziehungsform steht nicht pauschal für hochwertigen Wein, die andere nicht automatisch für Massenproduktion.

Takahata in Yamagata: ein Weinland im Norden Honshūs.
Takahata in Yamagata: ein Weinland im Norden Honshūs.

Westliches Honshū: Hiroshima reicht vom Binnenmeer ins Hügelland

Hiroshima sollte nicht auf seine warme Küste reduziert werden. Miyoshi liegt im Binnenland, wo drei Flüsse in einem Becken zusammentreffen. Die örtliche Tourismusorganisation beschreibt die Landschaft im Gespräch mit einem Traubenerzeuger als nebelgeprägt. Für den Weinbau besonders interessant ist der konkrete Betriebsvergleich der Hiroshima Miyoshi Winery: In eigenen Weinbergen stehen unter anderem Syrah, Merlot und Pinot Noir am Spalier, während Vertragserzeuger unter anderem Chardonnay und Shōkōshi in traditioneller Pergolaerziehung anbauen. Der Betrieb erläutert auch die Begrenzung der Traubenzahl sowie eine je nach angestrebtem Wein unterschiedliche Lese. So wird innerhalb derselben Herkunft sichtbar, wie verschiedene Sorten und Anbauweisen nebeneinander bestehen und die Winzer ihre Arbeit auf das gewünschte Ergebnis ausrichten.

Shikoku: Kagawa und die Antwort der Züchtung auf Sommerhitze

An der Nordseite Shikokus liegt Kagawa im vergleichsweise niederschlagsarmen Klima der Seto-Inlandsee. Die Präfektur nennt für die Wetterstation Takamatsu rund 1.150 Millimeter Jahresniederschlag und beschreibt eine Konzentration auf Regen- und Taifunsaison. Das unterscheidet diesen Teil des Südens von sehr nassen pazifischen Küstenräumen. Der Stationswert ist eine regionale Orientierung, keine Messung in jedem Weinberg. Auch hier entscheidet nicht nur die Jahressumme: Wenn ein erheblicher Teil des Regens in empfindliche Entwicklungsphasen fällt, bleibt der Umgang mit Feuchtigkeit eine konkrete Aufgabe.

Ein besonders eigenständiger Beitrag Kagawas ist die Rebsorte Kadai-noh R-1. Die Universität Kagawa entwickelte sie aus der im südlichen Japan vorkommenden Wildrebe Ryūkyū Ganebu und Muscat of Alexandria. Ziel war unter anderem eine gute Beerenfärbung auch bei hohen Temperaturen, denn in südwestjapanischen Anbaugebieten kann die Färbungsphase mitten in die Sommerhitze fallen. Die Sanuki Winery verarbeitet Trauben dieser Sorte aus Kagawa. Hier lässt sich regionale Identität besonders gut nachvollziehen: Sie entsteht auch dadurch, dass Forschung und Erzeuger eine passende Rebe entwickeln und erproben. Neben der Auswahl vorhandener Sorten gehört somit die Züchtung zu den Wegen, mit denen sich Japans Weinbau an seine Standorte anpasst.

Kyūshū: Tsuno und Ajimu zeigen zwei verschiedene südliche Wege

Tsuno in Miyazaki steht für Weinbau unter ausgesprochen niederschlagsreichen Bedingungen. Die Kellerei beschreibt auf ihrer Standortseite starke Regenfälle und Taifunschäden bis in die Erntezeit. Ihr Bericht nennt Drainage, Windschutzpflanzungen, Folientunnel und angepasste Pergolen als Antworten auf diese Herausforderungen. Die lokal verankerten Sorten Campbell Early, Muscat Bailey A und Delaware gehören zu dieser Geschichte. Seit den 1990er-Jahren kamen im eigenen Weinbau auch europäische Sorten hinzu. Die wichtige Erkenntnis liegt in den Maßnahmen: Wärme allein lässt Trauben nicht gesund ausreifen. Auch Wind, Wasser und der Zustand der Beeren müssen bis zur Lese beherrscht werden.

Auf dem etwa 150 Meter hohen Makiuchi-Plateau arbeitet Tsuno unter anderem mit Chardonnay und Syrah und erprobt weitere Rebsorten. In seiner Beschreibung der Bewirtschaftung betont der Betrieb die Bodenstruktur und die Entwicklung der Wurzeln in den örtlichen vulkanischen Böden. Diese betrieblichen Erfahrungen sind interessanter als das Klischee, eine Rebe müsse immer auf möglichst kargem Boden stehen. Für eine Herkunftserklärung sollte man dabei sauber bleiben: Die dokumentierte Arbeit am Boden begründet kein Versprechen, im Wein unmittelbar einen bestimmten vulkanischen Geschmack zu finden.

Ajimu in Ōita liegt ebenfalls auf Kyūshū, besitzt aber eine andere Ausgangslage. Die dortige Kellerei beschreibt ein nebelreiches Becken mit deutlichen Temperaturunterschieden und dem vergleichsweise regenarmen Einfluss des Seto-Inlandsee-Klimas. In der Entwicklung des örtlichen Anbaus spielte sogar die Sicherung der landwirtschaftlichen Wasserversorgung eine Rolle. Das widerlegt jede Gleichsetzung von „Kyūshū“ mit den Regenbedingungen Tsunos. Auch ein Name auf derselben Insel sagt noch wenig darüber, wie viel Wasser ein Weinberg erhält und wie schnell es wieder abfließt.

Trotzdem verwendet Ajimu in seinen drei beschriebenen Betriebsflächen Regenschutzfolien und unterirdische Drainage. Relative Trockenheit und aktiver Regenschutz widersprechen sich nicht. Chardonnay, Albariño, Petit Manseng und Pinot Noir gehören zum dokumentierten Sortenspektrum. Für zwei Albariño-Weine des Jahrgangs 2023 nennt der Betrieb sogar unterschiedliche Hangrichtungen und Höhen: Shimoge liegt etwa auf 170 bis 178 Metern, Ōmio auf 216 bis 233 Metern. Solche Angaben machen ein sinnvolleres Vergleichspaar möglich als eine pauschale Gegenüberstellung von Nord- und Südwein: dieselbe Sorte, derselbe Erzeuger, verschiedene Parzellen. Erst die konkrete Flasche zeigt, wie deutlich sich der Unterschied unter den Bedingungen dieses Jahrgangs ausdrückt.

Die Unterschiede auf einen Blick

Ausgewählte Standorte und Anbauweisen – Beispiele, keine festen Geschmacksregeln
Region / BezugspunktPrägende UnterschiedeBeispiele für Trauben und Arbeit im Weinberg
Hokkaidō: YoichiJapanische See; im Inselvergleich mild; ObstbautraditionKerner, Bacchus, Zweigelt; inzwischen auch Pinot Noir und Chardonnay
Hokkaidō: Sorachi / MikasaBinnenländische Hänge; Schneedecke schützt und belastet AnlagenPinot Noir, Sauvignon Blanc, Chardonnay, Auxerrois; winterliche Spalierarbeiten
Honshū: YamanashiKōfu-Becken und höhere Randlagen; viele lokale BödenKōshū, Muscat Bailey A; traditionelle Pergola neben Spalier
Honshū: NaganoMehrere Täler; Binnenklima; Höhenlagen mit FrostabwägungMerlot und Chardonnay; Niagara/Concord in Kikyōgahara; weitere europäische Sorten
Honshū: Yamagata / TakahataSchneewinter; vier Teilgebiete, etwa 220–400 mChardonnay, Merlot, Muscat Bailey A; seitlich offene Regendächer und offene Anlagen
Westliches Honshū: MiyoshiBinnenbecken; Flusslandschaft und NebelSyrah, Merlot, Pinot Noir, Chardonnay; Spalier und Pergola
Shikoku: KagawaSeto-Inlandsee-Klima; relativ wenig Niederschlag, sommerliche HitzeKadai-noh R-1; Züchtung für bessere Färbung bei Hitze
Kyūshū: TsunoRegenreiche Pazifikseite; TaifuneCampbell Early, Chardonnay, Syrah; Drainage, Wind- und Regenschutz
Kyūshū: AjimuBecken mit Setouchi-Einfluss; eigene ParzellenunterschiedeChardonnay, Albariño, Petit Manseng, Pinot Noir; Regendach und Drainage
Quellen & Weiterlesen · japanische Originalquellen